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Explosionsschutz2026-06-094 Min.

Draußen ist nicht automatisch sicher

Bei der Beurteilung des Explosionsschutzes richtet sich die Aufmerksamkeit häufig auf Zoneneinteilung, Geräteeignung, Ex-Kennzeichnung, Prüfungen und mögliche Zündquellen. Das ist richtig und notwendig. Trotzdem entsteht in der Praxis manchmal ein falsches Sicherheitsgefühl, sobald sich eine Anlage im Freien befindet.

Der Gedanke ist nachvollziehbar. Im Freien kann natürliche Lüftung freigesetzte Dämpfe, Gase, Nebel oder Stäube verdünnen. Nach der deutschen Explosionsschutzsystematik, insbesondere im Rahmen der Gefährdungsbeurteilung nach Gefahrstoffverordnung, des Explosionsschutzdokuments sowie der technischen Regeln TRGS 720, TRGS 721, TRGS 722 und TRGS 723, reicht diese Annahme allein jedoch nicht aus. Entscheidend ist nicht, ob eine Anlage innen oder außen steht, sondern ob unter realistischen Betriebsbedingungen eine gefährliche explosionsfähige Atmosphäre entstehen, sich ausbreiten und mit einer wirksamen Zündquelle in Kontakt kommen kann.

Die Praxis ist widerstandsfähiger als jede einfache Annahme. Wind verdünnt nicht nur. Wind verlagert. Was an einer Entlüftung, einem Flansch, einer Probenahmestelle, einem Füllpunkt, einer Pumpendichtung oder während einer Instandhaltungsmaßnahme freigesetzt wird, kann durch Windrichtung, Gebäudekanten, Rohrbrücken, Behälter, Auffangräume oder lokale Abschirmungen in Bereiche getragen werden, die auf den ersten Blick nicht als kritisch erscheinen.

Gerade bei Wartung, Revision, Reinigung, An- und Abfahrvorgängen oder abweichenden Betriebszuständen können brennbare Stoffe freigesetzt werden. Unter ungünstigen Wetterbedingungen können sie sich zu heißen Oberflächen, mechanischen Zündquellen, elektrischen Betriebsmitteln oder Arbeitsbereichen bewegen, in denen Tätigkeiten stattfinden, die im Normalbetrieb nicht als kritisch bewertet wurden.

Für Betreiber, Planer, Instandhalter und Prüfer bedeutet das: Explosionsschutz beginnt nicht mit der Frage, ob eine Anlage im Gebäude oder im Freien steht. Die erste Frage lautet, ob gefährliche explosionsfähige Gemische unter den tatsächlichen Randbedingungen auftreten können. Danach ist zu beurteilen, wie häufig und wie lange dies möglich ist, wie sich die Atmosphäre ausbreiten kann und welche wirksamen Zündquellen im betroffenen Bereich vorhanden sein können.

Eine Anlage kann normgerecht geplant, mit geeigneten Geräten nach ATEX-Produktrichtlinie ausgestattet, ordnungsgemäß installiert und nach BetrSichV geprüft sein. Trotzdem können unvorhergesehene Kombinationen aus Prozessabweichungen, Wetterbedingungen und Arbeiten vor Ort zu Situationen führen, die im bestimmungsgemäßen Normalbetrieb kaum sichtbar sind.

Deshalb verdient das Szenariodenken im Explosionsschutz genauso viel Aufmerksamkeit wie die formale Zoneneinteilung. Es reicht nicht aus, nur zu betrachten, was üblicherweise geschieht. Es muss auch bewertet werden, was geschehen kann, wenn Freisetzung, Windrichtung, Temperatur, Lüftungswirkung, Instandhaltung und potenzielle Zündquellen gleichzeitig ungünstig zusammenkommen.

Eine Zoneneinteilung ist wichtig. Sie ist aber kein Ersatz für eine realistische Gefährdungsbeurteilung, ein aktuelles Explosionsschutzdokument und eine wirksame Zündquellenbetrachtung.

Denn der Wind liest keine Zoneneinteilungszeichnung.

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