
Der Umstieg auf natürliche Aromen kann unbemerkt auch die Explosionsgefährdung verändern
Die Lebensmittelindustrie befindet sich mitten in einem grundlegenden Wandel. Verbraucher fragen zunehmend nach natürlichen Aromen, Clean-Label-Produkten und nachhaltigeren Herstellungsverfahren. Produzenten investieren deshalb in neue Extraktionstechnologien, kleinere Produktionschargen, energieeffiziente Anlagen und eine größere Vielfalt an Rohstoffen.
Diese Entwicklungen können die Wettbewerbsfähigkeit stärken. Gleichzeitig verändern sie jedoch die technischen Ausgangsbedingungen bestehender Prozessanlagen. Genau dieser Aspekt erhält bislang noch vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit.
Bei der Herstellung von Aromen werden häufig verschiedene Verfahren miteinander kombiniert: Extraktion mit Ethanol, Destillation, Lösemittelrückgewinnung, Sprühtrocknung, Wirbelschichttrocknung, Mahlen, Mischen und die Verarbeitung pulverförmiger Produkte.
Jeder dieser Prozessschritte weist eine eigene Kombination aus brennbaren Gasen oder Dämpfen, explosionsfähigen Staubwolken und potenziellen Zündquellen auf. Für sich betrachtet sind diese Gefährdungen in der Regel beherrschbar. Die eigentliche Herausforderung entsteht, wenn Prozesse verändert werden, um nachhaltiger, energieeffizienter oder flexibler zu produzieren.
So kann eine Energiesparmaßnahme die Wirksamkeit einer Lüftungs- oder Absauganlage beeinflussen. Ein neuer natürlicher Rohstoff kann andere Staubeigenschaften, sicherheitstechnische Kenngrößen oder flüchtige Bestandteile aufweisen. Änderungen an einem Sprühtrockner können sich auf Staubkonzentrationen und Ablagerungen auswirken. Gleichzeitig werden Anlagen zur Lösemittelrückgewinnung optimiert, um Emissionen zu reduzieren und eine höhere Anlagenverfügbarkeit zu erreichen.
Die bestehende Zoneneinteilung, die Auswahl explosionsgeschützter Geräte und die Bewertung möglicher Zündquellen beruhen jedoch häufig auf den ursprünglichen Prozessbedingungen. Nach einer Änderung sind diese Annahmen möglicherweise nicht mehr vollständig gültig.
Für Betreiber in Deutschland bedeutet dies, dass die Gefährdungsbeurteilung einschließlich des Explosionsschutzdokuments bei maßgeblichen Änderungen überprüft und erforderlichenfalls aktualisiert werden muss. Dabei bilden insbesondere die Gefahrstoffverordnung, die Betriebssicherheitsverordnung und die Technischen Regeln für Gefahrstoffe der Reihe TRGS 720 ff. den rechtlichen und technischen Rahmen.
Für das Bereitstellen neuer explosionsgeschützter Geräte und Schutzsysteme ist zusätzlich die Explosionsschutzprodukteverordnung – 11. ProdSV – relevant. Die technische Umsetzung wird unter anderem durch die anwendbaren Teile der Normenreihe DIN EN IEC 60079 unterstützt, beispielsweise für die Zoneneinteilung, die Auswahl und Installation von Ex-Geräten sowie deren Prüfung und Instandhaltung.
Explosionsschutz entwickelt sich damit auch in der Aromenindustrie zu einem integralen Bestandteil eines nachhaltigen Anlagenmanagements. Ein systematisches Änderungsmanagement, Asset Integrity, Prozesssicherheit und eine fachgerechte Explosionsschutzbewertung müssen zusammenwirken, bevor eine Änderung in den Produktionsalltag übernommen wird.
Nicht nur, weil Gesetze und technische Regeln dies verlangen, sondern vor allem, weil sichere und zuverlässige Anlagen eine wesentliche Voraussetzung für eine verlässliche Lebensmittelversorgung sind.
Zukunftsfähige Aromenhersteller entwickeln deshalb nicht nur neue Geschmacksprofile. Sie stellen sicher, dass jede Prozessinnovation zugleich die Sicherheit, Verfügbarkeit und Zuverlässigkeit ihrer Anlagen stärkt.
Quellen und weiterführende Informationen:
• Gefahrstoffverordnung – GefStoffV
• Betriebssicherheitsverordnung – BetrSichV
• Explosionsschutzprodukteverordnung – 11. ProdSV
• BAuA – Technische Regeln für Gefahrstoffe, insbesondere TRGS 720 bis 725 und TRGS 727
• DIN EN IEC 60079-10-1 – Einteilung gasexplosionsgefährdeter Bereiche
• DIN EN 60079-10-2 – Einteilung staubexplosionsgefährdeter Bereiche
• DIN EN IEC 60079-14 – Projektierung, Auswahl, Installation und Erstprüfung
#Explosionsschutz #ATEX #Prozesssicherheit #Lebensmittelindustrie #Aromenindustrie #Anlagensicherheit #Änderungsmanagement #AssetIntegrity #DINENIEC60079 #exquintia.com